Deutschland trinkt zu wenig, aber zu viel zuckerhaltige Softdrinks

Im Februar und März 2019 befragte das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag der TK mehr als 1.000 Personen zu ihren Trinkgewohnheiten im Privatleben und am Arbeitsplatz.

Titel: Deutschland trinkt zu wenig, aber zu viel zuckerhaltige Softdrinks Teaser: Im Februar und März 2019 befragte das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag der TK mehr als 1.000 Personen zu ihren Trinkgewohnheiten im Privatleben und am Arbeitsplatz. Die Befragten repräsentieren nach Angaben der TK den Querschnitt der volljährigen Bevölkerung in Deutschland.

Der Arbeitsalltag vieler Menschen ist sehr stressig, deshalb kommen wichtige Grundbedürfnisse zu kurz, auch das Trinken: Rund die Hälfte der Berufstätigen vergisst bei Stress die Flüssigkeitszufuhr (52 %). Das zeigt die Forsa-Studie „Trink Was(ser), Deutschland!“ im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK), die kürzlich veröffentlicht wurde.

Die Studie zeigt auch, dass zuckerhaltige Softdrinks wie Cola und Co. als Durstlöscher nach wie vor sehr beliebt sind – besonders bei den jungen Leuten. Jeder Vierte (26 %) der 18- bis 39-Jährigen nimmt täglich oder mehrmals pro Woche zuckerhaltige Softdrinks zu sich. Welche Präventionsmaßnahmen erfolgversprechend sein könnten, um den Konsum dieser gesundheitsgefährdenden „Durstlöscher“ zu reduzieren, haben darüber hinaus Wissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und der Technischen Universität München (TUM) in Zusammenarbeit mit dem Cochrane-Netzwerk erforscht.

Gut und günstig: Leitungswasser als Durstlöscher

„Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt als Richtwert eine tägliche Trinkmenge von 1,5 bis 2,5 Litern Flüssigkeit“, so Wiebke Arps aus dem Gesundheitsmanagement der TK. „Schon ein geringer Wassermangel im Körper kann zu gesundheitlichen Einschränkungen, Erschöpfung und mangelnder Konzentrationsfähigkeit führen.“ Im beruflichen Kontext seien daher auch die Arbeitgeber gefragt, ausreichendes und regelmäßiges Trinken zum Thema zu machen. „Das muss nicht immer der Wasserspender auf dem Flur sein. Unser Leitungswasser ist ein hervorragender Durstlöscher – und die Qualität stimmt auch“, so Arps.

Über den ganzen Tag verteilt trinken

Die Tendenz, bei Stress weniger zu trinken, hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Bereits 2010 hat die TK eine Studie zu den Trinkgewohnheiten der Menschen in Deutschland durchgeführt. Damals gaben noch 34 % der Befragten an, bei Stress weniger zu trinken. In der aktuellen Auswertung sind es bereits 52 %. „Das Empfinden von Stress und Hektik ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Das spiegelt sich offensichtlich auch im Trinkverhalten wider“, erklärt Arps. Sie rät: „Am besten trinkt man regelmäßig über den ganzen Tag verteilt kleinere Mengen. Wer nur zu den Mahlzeiten Flüssigkeit zu sich nimmt, trinkt eindeutig zu wenig.“

Übergewicht nimmt zu

Laut Statistischem Bundesamt ist mehr als die Hälfte aller Erwachsenen in Deutschland übergewichtig. So hatten 2017 bereits 53 % von ihnen einen Body-Mass-Index (BMI) von mindestens 25. Ab einem BMI von 25 gilt man als übergewichtig.

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch gelten gezuckerte Softdrinks schon in vergleichsweise geringen Mengen als gesundheitsgefährdend: Bereits eine Dose am Tag erhöhe das Risiko für Übergewicht, Fettleibigkeit oder Typ-2-Diabetes.

Gerade in Sachen Ernährung kann man viel für einen gesunden Lebensstil tun. Dazu gehört auch ein gesundes Trinkverhalten.

Frauen sind Wasser-Trink muffel und Männer greifen gern zu Softdrinks

Insbesondere den Frauen fällt es schwer, ihren Wasserbedarf ausreichend zu decken. So hat laut Studie jede dritte Frau im Job Probleme, genug zu trinken (32 %), bei den Männern ist es nur jeder Fünfte (18 %). Neben Stress nannten die berufstätigen Befragten als weitere Gründe für den „Wassermangel“ Vergesslichkeit (77 %), keine Zeit (56 %), keinen Durst (45 %) und einen zu hohen Aufwand, der mit dem Gang zur Toilette verbunden (17 %) bzw. keine Toi lette in der Nähe ist (13 %).

Zuckerhaltige Softdrinks sind über alle Altersgruppen hinweg vor allem bei Männern beliebt: 21 % der männlichen Befragten gaben an, regelmäßig Limonade, Cola-Getränke und Co. zu sich zu nehmen. Im Vergleich sagen dies nur 11 % der Frauen. Während 37 % von ihnen nie zu Cola und Co. greifen, verzichten bei den Männern nur 27 % ganz auf Softdrinks. Wiebke Arps: „In der Gruppe der angehenden Akademiker unterscheidet sich der Softdrink- Konsum sogar noch stärker: 28 % der männlichen Studierenden trinken fast täglich Softdrinks, während es bei ihren Kommilitoninnen nur 10 % sind.“

Regionale Unterschiede: NRW trinkt am wenigsten und der Osten ist Softdrink-Hochburg

Die Studie zeigt auch: Beim Trinkverhalten grundsätzlich zeigen sich ebenso deutliche regionale Unterschiede wie bei zuckerhaltigen Softdrinks. Am häufigsten wird in den nordwestdeutschen Bundesländern die empfohlene Trinkmenge von mindestens 1,5 Litern nicht erreicht. Schlusslicht im Ranking ist dabei Nordrhein-Westfalen (NRW). Hier gelingt es nur 61 % der Menschen, genug zu trinken. Wesentlich trinkfreudiger sind die Menschen im Süden und im Osten Deutschlands. Die Menschen in Bayern und Baden-Württemberg kommen am häufigsten auf die empfohlene Trinkmenge von 1,5 bis 2,5 Litern pro Tag (73 bzw. 74 %).

Dagegen werden Cola & Co. in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen am häufigsten getrunken. Mehr als ein Viertel (26 %) der Menschen dort trinkt fast täglich Cola und Limonade. Im Gegensatz dazu trinken nur 13 % der NRW-Bevölkerung und 14 % der Menschen aus den Nordländern (Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Schleswig- Holstein, Mecklenburg-Vorpommern) fast täglich Softdrinks.

Wer auf sein Trinkverhalten achtet, trinkt seltener Softdrinks

Wiebke Arps: „Die Studie zeigt, dass die Menschen, die gar nicht auf ihr Trinkverhalten achten, eher zu Softdrinks greifen, als Menschen, die bewusst versuchen, genug und gesund zu trinken.“ Das sind laut Studie 25 %.

Gibt es erfolgversprechende Formen der Prävention?

Wissenschaftler der Ludwig-Maximilians- Universität München (LMU) und der Technischen Universität München (TUM) sind in Zusammenarbeit mit dem Cochrane-Netzwerk der Frage nachgegangen, welche Formen der Präventionsforschung erfolgversprechend sind. Sie haben untersucht, für welche Maßnahmen es verlässliche wissenschaftliche Belege gibt, um den bevölkerungsweiten Softdrinkkonsum zu reduzieren. Dabei haben sie sich auf die Verhältnisprävention konzentriert: auf Maßnahmen, die an den Umgebungsfaktoren und den Lebens- und Arbeitsbedingungen von Menschen ansetzen.

Die Autoren sichteten mehr als 10.000 wissenschaftliche Veröffentlichungen und identifizierten so 58 Studien, die den vorab definierten Qualitätskriterien entsprachen. Diese 58 Studien wurden in 14 verschiedenen Ländern durchgeführt und hatten zusammengenommen mehr als eine Million Kinder, Jugendliche und Erwachsene als Teilnehmer.

Das Cochrane-Review ergab, dass es zu einer Reihe von Ansätzen wissenschaftliche Belege gibt, um den Süßgetränkekonsum zu reduzieren. Die Qualität der Evidenz reichte dabei von sehr gering bis mittelmäßig und gut.

Mit diesen Maßnahmen kann der Softdrinkkonsum reduziert werden:

  • einfach verständliche Lebensmittelkennzeichnungen, etwa mithilfe einer Farbcodierung nach dem Ampelprinzip
  • Preiserhöhungen auf Softdrinks in Restaurants, Läden und Freizeiteinrichtungen
  • Verringerung des Angebots von Softdrinks in Schulen
  • Kindermenüs in Restaurantketten, die standardmäßig statt eines Softdrinks ein gesünderes Getränk enthalten
  • bessere Platzierung und Vermarktung von gesünderen Getränken in Supermärkten
  • lokale Gesundheitskampagnen mit einem Fokus auf Softdrinks
  • Bereitstellung von alternativen Getränken im Haushalt.

Einige der Maßnahmen erscheinen naheliegend, doch fehlte bislang eine umfassende Übersicht dazu, welche nachweislich wirksam sind, resümierten die Forscher.

Die höchste Evidenz erreichten laut Review dabei die Haushaltsinterventionen, das heißt, bei Menschen mit erhöhtem Körpergewicht, die viel Süßgetränke konsumierten, führte die bessere Verfügbarkeit von kalorienarmen Getränken Zuhause bereits zu einer Gewichtsabnahme. Eine moderate Evidenz erreichten sowohl die farbliche Ampelkennzeichnung – sie ging mit weniger Süßgetränkeverkäufen einher – als auch Preiserhöhungen bei zuckerhaltigen Getränken in Restaurants, Läden und Freizeiteinrichtungen – sie senkten ebenfalls deren Verkaufszahlen.

Für am wenigsten geeignet halten die Autoren jedoch eine Selbstverpflichtung der Lebensmittelindustrie, weniger Zucker in Softdrinks und Lebensmitteln zu verwenden.