Hinz neigt zum Widerspruch ... und hat damit die Zahnmedizin voran gebracht – neu erschienene Autobiografie sehr lesenswert

Professor Rolf Hinz, Kieferorthopäde und Gründer unter anderem des Zahnärztlichen Fachverlags, legt mit 90 Lebensjahren seine Memoiren vor. Neben Persönlichem enthält sein Buch aufschlussreiche Details zur Entwicklung der deutschen Zahnmedizin in Ost und West – zum Beispiel, wie Hinz während des Kalten Krieges in der Lausitz eine Praxis gründete und später im Ruhrgebiet neu begann. Wie zu erwarten, kommen Standespolitiker, aber auch Hochschullehrer, nicht immer gut weg.

Autor: Dr. Jan H. Koch 

Das Buch beginnt sehr persönlich mit Hinz‘ Kindheit vor dem und während des zweiten Weltkriegs. Geboren 1928 in Berlin dient er mit nur 17 Jahren als Luftwaffenhelfer und muss sich nach Kriegsende mit Geschick und viel Mut durchschlagen. Ende der 1940er Jahre beginnt er eine Dentistenlehre, die er nahtlos mit einem Zahnmedizinstudium fortsetzt.

Es gelingt es ihm erstaunlicherweise, in der DDR eine freiberuflich geführte kieferorthopädische Praxis zu gründen – dank großem Engagement für seine Patienten, gepaart mit ebenso großem diplomatischem Geschick gegenüber den Behörden. Im Jahr 1960 verlässt er die DDR auf abenteuerlichen Wegen und eröffnet eine kieferorthopädische Praxis in Herne, die bis heute besteht. 

Behandlungsgeräte und Prävention

Hochinteressant sind Hinz‘ Ausführungen zur Weiterentwicklung kieferorthopädischer Behandlungsmethoden, an denen er mit eigenen Erfindungen beteiligt war oder deren Vertrieb er organisierte: Zum Beispiel Geräte zur Schlafapnoe-Therapie (IST-Geräte, OrthoSleep Aligner) und zur Frühbehandlung/Prävention von Funktionsstörungen und Fehlstellungen (Muppy Vorhofplatten, OrthoPrevent Aligner).

Hinz zeigt an vielen Beispielen, wie man mit (zahn-)ärztlichem Verstand und einer Kombination aus Idealismus, Unternehmergeist und Humor Großes bewegen kann. Für seine Patienten und Ideen begibt er sich immer wieder auf die berufspolitische Bühne, übernimmt leitende Ämter in Zahnärztekammer, KZV (jeweils Westfalen-Lippe) und Bund der Kieferorthopäden (BDK).

Die Prävention im Kleinkind- und Grundschulalter ist ihm ein besonderes Anliegen. So forderte er im Jahr 2010 von BDK und Hochschullehrern, Präventionsprogramme zu entwickeln und bei den Kostenträgern durchzusetzen. Im Gegensatz zu Vielem anderen hatte er mit diesem Ansinnen bisher, leider, keinen Erfolg. Weitere Schlaglichter auf Rolf Hinz‘ Weg:

  • 1957 Fachzahnarzt für Kieferorthopädie (DDR)

  • 1967 Dr. Hinz Fachlabor für Kieferorthopädie (Herne)

  • 1984 Lehrauftrag an der Universität Witten-Herdecke, Aufbau Abteilung für Kieferorthopädie, 1987 Habilitation zum Thema Klebebrücken bei Kindern, 1988 (mit 60 Jahren!) ebendort Berufung zum Professor

  • 2002 Einweihung der Haranni Clinic und Akademie

  • 1997 und 2008 Ehrennadeln der deutschen Zahnärzteschaft in Silber und Gold (für sein Lebenswerk) 

Letzeres ist keineswegs abgeschlossen: Hinz‘ neuestes Projekt ist, sinnvolle Prophylaxe-Strukturen für geriatrische und behinderte Menschen vorzudenken und einzufordern. Auch hier begibt er sich in Widerspruch zur Standesführung: Um das Ziel erreichen zu können, müssten präventive Aufgaben viel konsequenter als bisher an zahnmedizinisches und Pflege-Fachpersonal delegiert werden.

„Manchmal muss man deutlich werden, ...“

Professor Hinz scheut auch nicht den Konflikt mit anderen medizinischen Disziplinen, zum Beispiel der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin (DGSM). Auf einem pädiatrischen-somnologischen Kongress muss er den versammelten Experten den Unterschied zwischen Kieferchirurgie und Kieferorthopädie erläutern. Und er kämpft auch hier gegen die Mühlenflügel erklärter Präventionsgegner. Viele Ärzte – einschließlich Zahnärzten – wollen offensichtlich lieber Kaputtes reparieren, als ihre Patienten vor Schäden bewahren – offenbar aus Angst vor wirtschaftlichen Einbußen.

„Hinz neigt zum Widerspruch. Mein Weg“ ist ein Buch für alle, die Neues und Unerhörtes über die deutsche Zahnmedizin wissen wollen. Und es ist ein Buch über eine der engagiertesten, begabtesten und auch schillerndsten Persönlichkeiten unseres medizinischen Fachgebiets. Zum guten Schluss droht der 90-jährige Hinz: „Ich habe noch viel vor.“ Nicht alle Standespolitiker werden sich darauf freuen – dafür die Patienten und auch wir Zahnärzte. 

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